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Wenn alte Mythen nicht verschwinden

In den vergangenen Monaten begegnet mir zunehmend etwas, das mich gleichermaßen irritiert wie beschäftigt. In eigenen Erfahrungen, aber auch in Berichten aus Beratungen stoße ich immer wieder auf Vorstellungen über Autismus, von denen man eigentlich annehmen sollte, dass sie längst überwunden sind. Und sie kommen nicht ausschließlich aus schlecht informierten Kommentarspalten, sondern mitunter aus medizinischen, psychologischen oder sozialpädagogischen Kontexten.

Da wird über Impfungen als vermeintliche Ursache von Autismus spekuliert oder sogar die längst widerlegte Vorstellung einer emotional „kalten“ Mutter wieder aufgegriffen. Gleichzeitig wird die steigende Zahl diagnostizierter autistischer Menschen gelegentlich behandelt, als müsse es dafür zwingend eine neue äußere Ursache geben.

Dabei gerät etwas Entscheidendes aus dem Blick: Mehr Diagnosen bedeuten nicht automatisch, dass plötzlich entsprechend mehr Autismus entsteht. Diagnostische Kriterien haben sich verändert, Wissen ist gewachsen und Menschen werden heute erkannt, die früher durch die Raster gefallen wären. Gerade Frauen, Erwachsene, Menschen ohne Intelligenzminderung oder Personen, die lange erfolgreich kompensieren konnten, blieben über Jahrzehnte häufig unerkannt.

Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber rätseln, warum es „plötzlich so viele Autisten gibt“, und häufiger fragen, warum so viele von ihnen früher nicht gesehen wurden.

Denn auch professionelle Systeme sind nicht frei von gesellschaftlichen Vorstellungen darüber, welches Verhalten als normal gilt. Ärzt:innen, Lehrkräfte, Psycholog:innen und Sozialarbeiter:innen können Zugänge zu Unterstützung eröffnen – sie können sie aber auch, bewusst oder unbewusst, verschließen. Wo Andersartigkeit vorschnell als Fehlverhalten, mangelnde Erziehung, fehlende Motivation oder persönliche Schwäche interpretiert wird, bleiben Menschen ohne die Erklärung und Unterstützung, die sie benötigen.

Mehr Sichtbarkeit von Autismus ist deshalb für mich zunächst kein Grund zur Beunruhigung. Sie kann auch ein Zeichen dafür sein, dass Menschen endlich Namen für Erfahrungen bekommen, mit denen sie früher allein geblieben wären.

(rb)

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