Wie sich AuDHS von innen anfühlt – wenn man nach außen funktioniert
Die meisten Menschen begegnen mir und schließen aus dem, was sie sehen, auf das, was ist. Ich rede klar. Ich arbeite fachlich. Ich wirke kompetent. Also, so der Schluss, habe ich kein Problem.
Dieser Text widerspricht. Nicht, weil ich Mitleid will, sondern weil dieser Schluss bei autistischen Menschen so oft falsch ist – und weil er Folgen hat. Wer „normal reden kann“, bekommt selten Unterstützung. Bei mir heißt das ganz praktisch: Sozialrechtlich muss ich mir fast alles erstreiten. Herr Bede kann doch reden, der hat doch kein Problem. Und so – das weiß ich aus meiner fachlichen Arbeit, geht es vielen Menschen im Spektrum.
Was hinter dem funktionierenden Äußeren tatsächlich läuft, lässt sich von außen nicht sehen. Von innen sieht es so aus.
Zwei Eindrücke, beide falsch
Mein Gesicht gibt zuerst den Eindruck ab, ich sei schlecht gelaunt – auch wenn das Gegenteil stimmt. Und dann den zweiten Eindruck, alles sei in Ordnung – auch wenn das Gegenteil stimmt. Eine Stimme, die nicht begeistern kann. Ein Gesicht, das ausdruckslos bleibt.
Dahinter ein Kopf, so bunt wie eine CSD-Parade, der vor Ideen sprüht. Es dringt nur nichts davon nach außen. Wer mich liest, liest die Fassade, nicht den Inhalt – und die Fassade ist nicht freiwillig. Ich kann sie nicht abnehmen. Ich bin zu gut darin geworden und zu sehr daran gewöhnt.
Ein Körper, der falsch meldet
Meine Wahrnehmung ist nicht gedämpft, sie ist verschoben. Das Etikett im Shirt fühlt sich an wie ein Kaktus, der mir im Rücken steckt. Aber zwölf Stunden mit durchgewanderten, blutigen Füßen zu laufen, fällt mir nicht auf. Ob ich hungrig oder durstig bin, weiß ich oft nicht – der Körper sendet, ich empfange es nur nicht.
Mein Nervensystem steht ständig auf Alarm. Verlässlich zwischen 16 und 19 Uhr jagt ein Cortisolstoß durch mich, nach dem ich problemlos bis zwei Uhr nachts arbeiten kann – während ich vormittags um elf noch im Tiefschlaf liege. Das ist keine Disziplinfrage. Das ist Biologie.
ADHS-Medikamente helfen mir – und verschärfen zugleich die Reizoffenheit, die zum Autismus gehört. Ein intensiver Tag ist mit Medikament noch um ein Vielfaches intensiver, und danach brauche ich die doppelte bis dreifache Zeit ohne jeden menschlichen Kontakt, um wieder herunterzukommen. Hilfe und Belastung im selben Mittel.
Gefühle, die zu spät ankommen
Basisemotionen kann ich benennen. Komplexe Gefühle erreichen mich erst nach Stunden, Tagen, manchmal Monaten oder Jahren. Wie soll ich etwas beschreiben, das ich im Moment selbst nicht einordnen kann? Diese Verzögerung hat dazu geführt, dass ich die richtige Behandlung jahrelang nicht bekam – nicht, weil ich nichts fühlte, sondern weil ich es nicht rechtzeitig in Worte bringen konnte.
Und dann gibt es die Dinge, die nicht verblassen. Mein Gedächtnis ist visuell und unbestechlich, vor allem für das Negative. Die Scheiße vergesse ich nicht. Nie.
Nähe: der Widerspruch, mit dem ich lebe
Mir geht es gut, wenn ich allein bin. Und mir geht es nicht gut, wenn ich allein bin – denn allein sein will ich nicht. Beides stimmt gleichzeitig. Das ist kein Selbstmitleid, das ist der Dauerzustand.
Ich habe keine Freunde, nur Bekanntschaften. Freund hieße: ein Mensch, vor dem ich mich nicht verstellen muss. Im Schnitt dauert es sechs Jahre, bis ich mich jemandem so weit öffne – und in der Regel ist der andere dann überfordert. Wenn ich an einen Freund denke, dann an jemanden, mit dem ich in den Himmel schauen und schweigen kann. Jemanden, der einfach da ist.
Eine Eigenheit macht das besonders schwer: Bei mir gibt es kein langsames Verblassen von Beziehungen. Ich kann ein Jahr abtauchen, und meine Bindung zu dir ist exakt so wie an dem Tag, an dem wir uns trennten – auch dann, wenn du mich längst vergessen hast. Das tut weh. Und es erklärt, warum ich trotzdem immer dazugehören will und es nie wirklich kann.
Steuern, was sich nicht steuern lässt
Ich brauche Struktur – das ist der Autismus. Und ich hasse Struktur, wenn sie nicht von mir selbst kommt – das ist das ADHS. Also: Leite mich an, aber kommandiere mich nicht. Der Unterschied ist für mich riesig, für andere oft unsichtbar.
Priorisieren kann ich nicht zuverlässig. Ob ich eine Aufgabe hätte annehmen können, weiß ich erst Stunden später. Es bräuchte jemanden, der meine Ressourcen für mich im Blick behält und vorsortiert – diese Person gibt es nicht, also lande ich ständig in einem Multitasking, das ausgerechnet meine größte Schwäche ist.
Und doch sitzt im selben Kopf das, was ich an mir am meisten schätze: ein assoziatives Denken, das garantiert auf Ideen kommt, die sonst niemandem eingefallen wären.
Der Preis des Funktionierens
Acht Arbeitgeber in acht Jahren. Ein Burnout nach dem anderen. Von außen sieht das nicht nach Überlastung aus, sondern nach Unstetigkeit – nach jemandem, der sich nicht festlegt. Tatsächlich ist es das Gegenteil: Ich mache weiter, immer weiter, weil Arbeit das einzige Feld ist, auf dem ich überhaupt Selbstwert aufbauen kann.
Hier liegt der Kern. Weil ich nach außen funktioniere, traut mir die Umwelt jede Belastung zu. Ich sehe in mir selbst erschreckende Gemeinsamkeiten mit Autist:innen, denen niemand „High-Performer“ sagen würde – und trotzdem schreibt die Gesellschaft mir genau dieses Etikett zu. Bin ich behindert oder nicht? Normal oder nicht? Die Frage bleibt offen, und an ihr entscheidet sich, ob ich Unterstützung bekomme oder nicht.
Das beste Bild, das ich dafür habe: Ich bin ein Auto mit 300 PS und einem Zehn-Liter-Tank. Die Leistung ist da. Sie reicht nur nie lange.
Was ich an meinem Gehirn liebe
Das alles liest sich wie ein Wundinventar. Es ist aber nur die eine Hälfte. Die andere:
- Ein unfassbar breites Interesse an vielem – an der Astronomie etwa. Ich kann mich in fremde Galaxien hineinträumen. Der Horizont ist für mich nicht das Limit; dort beginnt die Reise erst.
- Eine Offenheit, die nicht in Hierarchien denkt. Ich finde jeden Menschen erst einmal in Ordnung. Es gibt bei mir keinen Ausschluss von Anfang an.
- Eine Loyalität, die bedingungslos ist. Wenn ich jemanden zu meinen Menschen zähle, bin ich da.
- Spontaneität und Unbefangenheit – sie haben mich allein auf andere Kontinente reisen lassen.
- Den Drang, für die Menschen, die mir nah sind, da zu sein, wenn es ihnen schlecht geht, und sie auf absurde Weise wieder aufzuheitern.
- Und dieses assoziative Gehirn, das immer einen Gedanken findet, auf den man so nie gekommen wäre.
Für die, die beruflich mit uns zu tun haben
Wenn Sie aus diesem Text eines mitnehmen, dann das: Schließen Sie nicht vom Äußeren auf das Innere.
Dass jemand klar spricht, einen Termin einhält, fachlich überzeugt, sagt nichts darüber, was ihn das kostet – und nichts darüber, ob er Unterstützung braucht. Bei hochkompensierten autistischen Menschen ist das Funktionieren oft nicht das Zeichen, dass alles in Ordnung ist. Es ist die Rechnung, die hinterher kommt.
Die Klientin, die „eigentlich ganz normal wirkt“. Der Klient, der „sich doch gut artikulieren kann“. Genau bei ihnen ist die Gefahr am größten, übersehen zu werden – weil ihre Fassade so gut ist, dass sie die eigene Not unsichtbar macht. Lassen Sie sich davon nicht täuschen. Fragen Sie nach dem, was unter der Oberfläche liegt. Es ist da. Man sieht es nur nicht.
(rb)