Persönliche und fachliche Lesetipps
Auf dieser Seite sammle ich Bücher, die ich aus persönlicher oder fachlicher Sicht hilfreich, anregend oder diskussionswürdig finde. Die Auswahl ist bewusst subjektiv. Eine Empfehlung bedeutet nicht, dass ich jede Aussage eines Buches uneingeschränkt teile.
Hinweis zur Sprache: Einige ältere Buchtitel verwenden die Bezeichnung „Asperger“. Ich führe diese Formulierungen als Bestandteil der jeweiligen Originaltitel auf.
Ins innere Exil
von Nieke Horst
Dieses Buch hat mich nicht deshalb getroffen, weil es mir vollkommen neue Informationen über Autismus geliefert hätte. Es hat mich getroffen, weil es sehr präzise beschreibt, wie es sich anfühlen kann, über Jahrzehnte in einer Welt funktionieren zu müssen, die für einen selbst nicht gemacht ist.
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Rezension zu „Ins innere Exil“ von Nieke Horst
Dieses Buch hat mich in mehrfacher Hinsicht getroffen.
Nicht, weil es mir vollkommen neue Informationen über Autismus geliefert hätte. Sondern weil ich beim Lesen immer wieder das Gefühl hatte: Ja. Genau das. So fühlt es sich an, wenn man über Jahrzehnte versucht hat, in einer Welt zu funktionieren, die für einen selbst nicht gemacht ist – und wenn man irgendwann merkt, dass die eigene Kraft nicht unendlich ist.
Als bald 40-jähriger Autist lese ich dieses Buch natürlich nicht aus einer neutralen Beobachterposition. Ich lese es mit eigener Geschichte im Rücken. Mit später Diagnose. Mit dem Wissen, dass ich vieles erst jetzt einordnen kann, was mich schon mein ganzes Leben begleitet hat. Und auch mit der Müdigkeit, die entsteht, wenn man zu lange versucht hat, sich an Verhältnisse anzupassen, die nie ernsthaft versucht haben, sich umgekehrt auch an einen selbst anzupassen.
Nieke Horst beschreibt in „Ins innere Exil“ keinen theoretischen Autismus. Sie beschreibt Autismus nicht als Fachbegriff, nicht als Diagnoseakte, nicht als pädagogisches Problem und auch nicht als therapeutische Herausforderung. Sie schreibt aus einer Innenperspektive. Aus einem Leben heraus, das viele Umwege, Überforderungen, Grenzerfahrungen, Verletzungen und Anpassungsversuche kennt. Gerade darin liegt die Stärke des Buches.
Besonders getroffen hat mich der Gedanke des „inneren Exils“. Der Rückzug ist hier nicht einfach eine Laune, keine Marotte und auch keine „Verweigerung“. Er erscheint vielmehr als letzter Versuch, Würde und Selbstschutz zu bewahren, nachdem sehr viel anderes versucht wurde. Das ist hart zu lesen. Aber es ist nicht schwer zu verstehen, wenn man selbst weiß, wie viel Energie es kostet, dauerhaft gegen Reizüberflutung, Missverständnisse, soziale Erwartungen und institutionelle Ignoranz anzuleben.
Was das Buch sehr deutlich macht: Kaum eine Behinderungsform trifft im Alltag auf so viel Widerstand, sobald es konkret um Inklusion geht, wie Autismus. Solange „Inklusion“ ein freundliches Wort bleibt, sind viele dafür. Sobald ein autistischer Mensch aber tatsächlich eigene Bedürfnisse formuliert – weniger Reize, mehr Verbindlichkeit, andere Kommunikation, mehr Rückzug, weniger Zwang zur sozialen Dauerverfügbarkeit –, wird es schnell schwierig.
Dann wird es lächerlich gemacht. Dann heißt es, man solle sich nicht so anstellen. Oder es wird psychologisiert und pathologisiert. Im schlimmsten Fall kommt dann die Narzissmus-Keule: Wer Grenzen setzt, wer Zumutungen benennt, wer nicht mehr brav kompensiert, gilt plötzlich als egozentrisch, schwierig oder manipulativ.
Das ist kein Randproblem. Es ist ein Muster. Aus Bequemlichkeit, aus Arroganz, aus Standesdünkel – und manchmal wohl auch schlicht aus Unwissen. Nieke Horsts Buch tut deshalb gut, weil es zeigt: Man ist mit diesen Erfahrungen nicht allein. Da schreibt jemand, die nicht mehr so tut, als wäre das Problem nur die mangelnde Anpassungsleistung autistischer Menschen.
Sehr stark ist in diesem Zusammenhang ihre Kritik an sogenannten Autismus-Therapie-Zentren. Sie benennt etwas, das in der Autismus-Debatte viel zu selten klar genug ausgesprochen wird: Sehr oft geht es nicht darum, dass autistische Menschen besser verstanden, geschützt oder unterstützt werden. Es geht darum, sie funktionaler zu machen. Angepasster. Erträglicher für eine neurotypische Umwelt. Das Ziel ist dann nicht Autonomie, sondern Masking unter professioneller Anleitung.
Besonders treffend fand ich ihre Gegenidee eines „Neurotypischen-Therapie-Zentrums“. Der Gedanke ist fast komisch – aber gerade dadurch so entlarvend. Warum gibt es eigentlich keine Therapiezentren, in denen neurotypische Menschen lernen, autistische Kommunikation nicht ständig falsch zu interpretieren?
Warum gibt es keine systematische Schulung darin, Reizschutz ernst zu nehmen, indirekte soziale Spielchen zu unterlassen, Klarheit auszuhalten, Rückzug nicht persönlich zu nehmen und nicht jede Abweichung sofort als Defizit zu betrachten?
Das ist ein Schuss ins Schwarze. Vielleicht einer der stärksten Gedanken des Buches. Meine einzige wirkliche Kritik wäre, dass diese Idee nicht ausführlicher entfaltet wird. An einigen Stellen bleibt das Buch knapp, manchmal fast skizzenhaft. Ich hätte mir hier und da gewünscht, dass einzelne Gedanken länger stehen bleiben dürfen. Nicht, weil sie unverständlich wären, sondern weil sie stark genug sind, um mehr Raum zu verdienen.
Gleichzeitig passt diese Knappheit vielleicht auch zum Buch. Es ist kein akademisches Werk, das seine Begriffe absichert und seine Argumente systematisch ausfaltet. Es ist ein Erfahrungsbericht. Ein Text von jemandem, der viele Wege gegangen ist, um mit dieser Welt klarzukommen.
Auch schädliche und belastende Bewältigungskontexte werden nicht ausgespart: Rauchen, Überforderung, familiäre Suchtstrukturen, Gewalt, Rückzug und das lange Aushalten einer Welt, die sie offenbar nie wirklich gesehen hat. Gerade solche Stellen machen das Buch glaubwürdig. Es schreibt nicht aus einer sauberen, nachträglich geglätteten Selbstoptimierungsperspektive. Es schreibt aus gelebter Erschöpfung.
Wohltuend ist, dass das Buch nicht nur dunkel ist. Die Passagen über Japan, über Stille, Ordnung, Höflichkeit und eine andere Form des Miteinanders geben dem Text etwas, das ich fast eine kleine frohe Botschaft nennen würde. Nicht im Sinne eines billigen Trostes. Die Realität, die Horst beschreibt, bleibt niederschmetternd genug.
Aber es gibt in diesem Buch eben auch Orte und Momente, in denen spürbar wird: Es könnte anders sein. Menschen könnten anders miteinander umgehen. Räume könnten anders gestaltet sein. Kommunikation könnte weniger brutal, weniger übergriffig, weniger laut sein.
Das macht das Buch für mich nicht nur zu einer Klage. Es ist auch konstruktiv. Horst beschreibt nicht einfach nur, dass vieles falsch läuft. Sie zeigt auch, was helfen könnte: Begleitung, Verständnis, reizärmere Umgebungen, medizinische Sensibilität, Respekt vor Grenzen, Unterstützung ohne Entmündigung.
Besonders ihre Kritik an der Medizin ist dabei scharf, aber aus meiner Sicht berechtigt. Die Arroganz, mit der neurodivergente Patientinnen und Patienten im medizinischen System teilweise behandelt werden, ist haarsträubend. Zu oft wird nicht gefragt, was ein Mensch braucht, um eine Situation überhaupt bewältigen zu können. Stattdessen wird erwartet, dass der Patient schon irgendwie in das vorhandene Setting passt.
Dieses Buch sagt: Nein. Nicht immer weiter so. Nicht immer noch mehr Anpassung. Nicht immer noch ein bisschen mehr Masking. Nicht immer noch ein bisschen mehr Selbstverleugnung, damit andere sich nicht irritiert fühlen.
Und genau darin liegt seine Bedeutung.
„Ins innere Exil“ ist kein bequemes Buch. Es ist an manchen Stellen traurig, wütend, müde und bitter. Aber es ist auch mutig. Und es ist authentisch. Nieke Horst schreibt als eine, die viel versucht hat und irgendwann zu dem Punkt gekommen ist: Ich will das so nicht mehr. Das lässt sich nicht nur nachvollziehen. Es verdient Respekt.
Ich bin der Autorin dankbar, dass sie sich mit diesem Buch vorgewagt hat. Nicht, weil jeder autistische Mensch sich in jedem Satz wiederfinden muss. Sondern weil hier eine Stimme spricht, die Erfahrungen benennt, die viel zu oft vereinzelt, beschämt oder fachlich wegerklärt werden.
Für autistische Leserinnen und Leser kann dieses Buch entlastend sein, weil es zeigt: Du bist nicht allein mit deiner Müdigkeit. Für Angehörige, Fachkräfte und medizinisches Personal kann es unbequem sein – und gerade deshalb wäre es wichtig, dass sie es lesen.
Erfahrungen, Biografisches und Literatur
Bücher, die autistische Lebenswirklichkeiten über persönliche Berichte, Biografisches, Graphic Novels oder literarische Erzählungen zugänglich machen.
Graphic Novel
Schattenspringer – Band 1 bis 3
Daniela Schreiter
Anschaulicher und persönlicher Zugang für Selbstbetroffene und Angehörige.
Autobiografisch
Der Junge vom Saturn
Peter Schmidt
Wie ein autistisches Kind die Welt sieht.
Biografisches Sachbuch
Der Junge, der zu viel fühlte
Lorenz Wagner
Autobiografisch
Buntschatten und Fledermäuse
Axel Brauns
Mein Leben in einer anderen Welt.
Erfahrungsbericht
Autismus in 44 Kapiteln
Natalie Lehnert
Mein Leben als Autistin.
Roman
Supergute Tage oder Die sonderbare Welt des Christopher Boone
Mark Haddon
Eine fiktionale Geschichte über einen Jungen, der einen rätselhaften Todesfall aufklären möchte.
Autismus verstehen und begleiten
Ratgeber und Fachbücher für Selbstbetroffene, Angehörige und Fachkräfte.
Alltagsratgeber
Been There. Done That. Try This!
Tony Attwood
An Aspie’s Guide to Life on Earth.
Ratgeber
Leben mit dem Asperger-Syndrom
Tony Attwood
Von der Kindheit bis zum Erwachsenenalter.
Ressourcenorientierung
Asperger als Chance
Susanne Huber
Die besonderen Fähigkeiten autistischer Menschen erkennen und stärken.
Ermutigung und Ratgeber
Mit Autismus leben
Christine Preißmann
Geschrieben aus der Perspektive einer selbst betroffenen Ärztin und Psychotherapeutin.
ADHS und Autismus
ADHS bei Erwachsenen und Asperger bei Erwachsenen
Svenja Höld
Überblickswerk
Die vielen Farben des Autismus
Thomas Girsberger
Spektrum, Ursachen, Diagnose, Therapie und Beratung.
Ratgeber
Anders sein
Kai Vogeley
Autismus-Spektrum-Störungen im Erwachsenenalter.
ADHS, Beruf und Beziehungen
Praxisorientierte Bücher über Arbeitsleben, Partnerschaft und die besonderen Herausforderungen von ADHS im Erwachsenenalter.
Beruf und ADHS
Jobglück mit ADHS
Michael Sieber
33 Wege zu mehr Zufriedenheit im Beruf. Niederschwellig und anhand vieler Praxisbeispiele aufgebaut.
Partnerschaft
Lass mich, doch verlass mich nicht
Cordula Neuhaus
ADHS und Partnerschaft.
Praxisbuch
ADHS bei Erwachsenen – ein Leben in Extremen
Martin D. Ohlmeier und Mandy Roy
Ein Praxisbuch für Fachkräfte und Selbstbetroffene.
Psychische Gesundheit und Trauma
Ergänzende Bücher zu Depression, Gedankenschleifen, Traumafolgen und körperlichen Auswirkungen psychischer Belastungen.
Depression
Depressionen verstehen und bewältigen
Manfred Wolfersdorf
Gedanken und Emotionen
Die dunkle Seite des Gehirns
Stefan Kölsch
Wie wir negative Gedankenschleifen erkennen und beeinflussen können.
Traumafolgen und Hilfen
Das Helfernetzwerk
Quendolin Winter
Ein Handbuch zu Unterstützungsleistungen für Betroffene von Traumafolgestörungen.
Körper und Psyche
Das Gedächtnis des Körpers
Joachim Bauer
Wie Beziehungen und Lebensstile unsere Gene steuern.