Was wir über Autismus, ADHS und ihre Folgen längst wissen – und beharrlich vergessen
Es gibt Probleme, die niemand kennt. Und es gibt Probleme, die alle kennen und die trotzdem bleiben. Die zweite Sorte ist die schlimmere.
Über die Lage neurodivergenter Menschen sammeln sich seit einigen Jahren endlich Forschungsergebnisse, die honorieren, dass Autismus und ADHS nicht etwas ist, dass sich „auswächst“ sondern ein Leben lang begleitet. Die Zahlen liegen vor, die Studien stapeln sich, die Positionspapiere auch. Und dann passiert: erstaunlich wenig. Was folgt, ist keine Erzählung von einem Missstand, der entdeckt werden müsste. Es ist eine Bestandsaufnahme dessen, was längst bekannt ist – und was die Kenntnis offenbar nicht ändert.
1. Arbeit: dieselbe Erkenntnis, immer wieder
Riedel et al., 2016. Dalferth, 2017. Espelöer und Proft et al., 2023. Man kann die Jahreszahlen aneinanderreihen, und sie sagen alle dasselbe: Menschen im Autismus-Spektrum sind weit häufiger ohne Arbeit als der Rest der Bevölkerung – die methodisch sauberste deutsche Studie spricht von einer etwa fünffach höheren Quote, trotz überdurchschnittlicher Bildung. Je nach Erhebung kursieren Werte von 40 % bis 85 %. Damit sind neurodivergente Menschen eine der am schlechtesten integrierten Gruppen überhaupt auf dem Arbeitsmarkt.
Dass die Spannweite so groß ist, ist kein Nebensatz. Sie zeigt, dass man das Problem nach all den Jahren nicht einmal ordentlich erhebt. Aber: Wo es saubere Daten gibt, zeigen sie immer dieselbe Pointe: Nur rund 30 % der Untersuchten arbeiteten in einem Beruf, der ihrem Ausbildungsniveau entsprach (Riedel et al., 2016). Es fehlt nicht an Qualifikation. Es fehlt an einem Arbeitsmarkt, der bereit ist, sie zu sehen.
Das ist seit Jahren bekannt. Bewerbungsverfahren, die an den Stärken vorbeisortieren, und neurotypische Maßstäbe an Bewerber anlegen gibt es trotzdem unverändert. Die Krux an der Sache: Wer offen mit der Diagnose umgeht, riskiert, sofort aussortiert zu werden – denn mit kaum einer Diagnose sind so viele Vorurteile verknüpft. Wer sie verschweigt, trägt die Anpassungslast allein. Beide Wege führen ins Leere. Dass Reha-Berater am Ende fast jeden Autisten in dieselbe IT-Ausbildung vermitteln wollen, ist dann nur noch die letzte Stufe einer Logik, die den Menschen nie gemeint hat.
2. Lebenserwartung: die Zahlen bleiben, während der Diskurs sich weiterdreht
2016 erschien eine schwedische Registerstudie (Hirvikoski et al.), die als Beleg dafür galt, autistische Menschen stürben im Schnitt 16 Jahre früher. Eine neuere britische Studie (O’Nions et al., 2023) kommt für Autismus ohne intellektuelle Beeinträchtigung auf gut 6 Jahre Differenz.
Die Fachwelt hat acht Jahre lang über die richtige Zahl gestritten. Das ist legitim. Aber an dem, worum es eigentlich geht, hat dieser Streit nichts verändert: Menschen sterben früher, und die Gründe sind benannt – Begleiterkrankungen, ein massiv erhöhtes Suizidrisiko, ein Versorgungssystem, das schwer erreichbar bleibt. Ob die Zahl nun sechs oder sechzehn lautet, ändert für die Betroffenen nichts. Verbessert hat sich der Zugang zu passender Versorgung in dieser Zeit kaum.
Man hat über die Statistik diskutiert. An der Realität, die sie misst, hat man gearbeitet: kaum.
3. ADHS und Strafvollzug: erkannt, nie behandelt
Dass ADHS in Haftpopulationen massiv überrepräsentiert ist, wird seit Jahren in Studie um Studie gefunden – über Länder hinweg, mit Werten von etwa 8 % bis über 25 % gegenüber 3–5 % in der Allgemeinbevölkerung (Young et al., 2015; Fazel & Favril, 2024). Der oft genannte „Faktor 10″ ist überzogen; eine drei- bis sechsfache Überrepräsentation ist seriös belegbar. Sie reicht.
Der eigentliche Befund steht in fast jeder dieser Arbeiten, nur selten in der Schlagzeile: Die wenigsten der Betroffenen hatten je eine Diagnose, geschweige denn eine Behandlung erhalten. Menschen mit einer behandelbaren, früh erkennbaren Konstellation durchliefen Schule, Jugendhilfe, Ämter – und fielen durch jedes Raster, bis das letzte Raster eine Gefängnistür war.
Das ist keine Anklage gegen diese Menschen. Es ist eine Bestandsaufnahme dessen, was nicht passiert ist: rechtzeitig hinschauen.
Der Befund
Drei Felder, dieselbe Struktur. Es ist nicht so, dass niemand es weiß. Es wird erhoben, publiziert, in Anhörungen vorgetragen, in Sonntagsreden zitiert. Und dann reiht sich die nächste Studie ein, die dasselbe noch einmal feststellt.
Das Unheimliche daran ist nicht der böse Wille. Es ist das Vergessen. Wie schnell die Aufmerksamkeit verrutscht, sobald ein anderes Thema lauter wird. Wie zuverlässig auch die, die es eigentlich gut meinen, wieder vergessen, was Neurodivergenz im Alltag konkret bedeutet – nicht als Schlagwort, sondern als Reizüberflutung, als Erschöpfung, als die tägliche Übersetzungsarbeit zwischen zwei Wahrnehmungswelten. Verständnis hält selten länger als der Moment, in dem es gerade gebraucht wird.
Forderungen gibt es genug. Es gibt sie seit Jahren. Was fehlt, ist nicht die nächste Forderung. Was fehlt, ist, dass das Wissen folgenreich wird.
Und jetzt Sie
Sie haben das hier gelesen. Damit ist eine Sache anders als vorher: Sie können nicht mehr sagen, Sie hätten es nicht gewusst.
Wegsehen ist von hier an kein Versehen mehr. Es ist eine Entscheidung. Ein Hinnehmen von Umständen, die man selbst niemals akzeptieren würde. Jedes Bewerbungsgespräch, in dem jemand aussortiert wird, weil er Blickkontakt meidet. Jede Diagnose, die zehn Jahre zu spät kommt. Jeder Mensch, der durch ein Raster fällt, das ihn längst hätte auffangen können – all das geschieht nicht im Verborgenen. Es geschieht in Sichtweite, vor Menschen, die es besser wissen.
Sie müssen nicht die Welt ändern. Aber Sie können aufhören, das Nächstliegende zu übersehen: den Kollegen, die Klientin, das Kind, den Menschen vor Ihnen. Hinsehen kostet wenig. Wegsehen kostet andere alles.
Ich habe mich entschieden, nicht wegzusehen. Das ist der Grund, warum es diese Arbeit gibt.
(rb)
Quellen
- Riedel, A., Schröck, C., Ebert, D. et al. (2016): Überdurchschnittlich ausgebildete Arbeitslose – Bildung, Beschäftigungsverhältnisse und Komorbiditäten bei Erwachsenen mit ASS.
- Dalferth, M. (2017): Zur Beschäftigungssituation von Menschen aus dem autistischen Spektrum in Deutschland und in westlichen Gesellschaften, autismus, Ausgabe 83.
- Espelöer, J., Proft, J. et al. (2023): Alarmingly large unemployment gap despite of above-average education in adults with ASD without intellectual disability in Germany: a cross-sectional study.
- Hirvikoski, T. et al. (2016): Premature mortality in autism spectrum disorder, British Journal of Psychiatry.
- O’Nions, E. et al. (2023): Estimating life expectancy and years of life lost for autistic people in the UK: a matched cohort study.
- Citation Context Analysis of Autism Mortality and Suicide Findings From Hirvikoski’s Landmark Study, JAMA Network Open (2024).
- Young, S. et al. (2015): Meta-Analyse zur ADHS-Prävalenz in Haftpopulationen (ca. 25,5 %).
- Fazel, S. & Favril, L. (2024): Prevalence of attention-deficit hyperactivity disorder in adult prisoners: an updated meta-analysis.
Dieser Text berührt mit Lebenserwartung und Suizidrisiko ein sensibles Thema. Wer selbst belastet ist oder sich um eine andere Person sorgt, muss damit nicht allein bleiben – Unterstützung ist erreichbar, und ich helfe auf Wunsch gern, die passenden Anlaufstellen zu finden.