Selbstwert und ADHS: Warum der eigene Wert ständig „verrutscht“ – und was dahintersteckt
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Kaum ein Thema taucht in Gesprächen mit ADHS-Betroffenen so verlässlich auf wie der brüchige Selbstwert. Mal „top“, mal „flop“ – und oft das quälende Gefühl, im Kern doch wenig wert zu sein, selbst bei nachweislichen Spitzenleistungen. Der Schweizer Psychiater Heiner Lachenmeier hat dieses Phänomen 2014 in einem viel beachteten Artikel beschrieben und ein Modell vorgelegt, das erklärt, warum der Selbstwert bei ADHS so leicht ins Rutschen gerät.
Das Schöne daran: Es ist kein Modell des Versagens, sondern eines der Mechanik. Wer die Mechanik versteht, kann ihr begegnen.
Worum es geht – und worum nicht
Lachenmeier interessiert sich weniger für die Frage „Was stimmt nicht mit mir?“ als für die Frage „Welche neurologischen Abläufe führen eigentlich dazu, dass sich ADHS-Betroffene immer wieder selbst falsch einschätzen?“. Sein Punkt: Die Selbstwertprobleme sind bei ADHS keine zufällige Beigabe und auch kein bloßer Charakterzug. Sie folgen logisch aus der Art, wie ein ADHS-Gehirn Reize aufnimmt, gewichtet und steuert.
Anders gesagt: Der Selbstzweifel ist nicht der Beweis, dass etwas mit einem nicht stimmt. Er ist ein vorhersagbares Nebenprodukt eines bestimmten Wahrnehmungsstils.
Das Filtermodell: Navigieren im Nebel
Stellen wir uns Wahrnehmung als Navigation vor. Bei Menschen ohne ADHS arbeitet ein automatischer Filter im Hintergrund: Er sortiert hereinkommende Reize und eigene Gedanken nach Wichtigkeit, dämpft Unwichtiges und hebt Relevantes hervor. Das Ergebnis ist eine Art Übersichtskarte mit Navi – man hat schnell den Überblick, fühlt sich sicher, kann zügig entscheiden, und das alles mit wenig Energieaufwand.
Bei ADHS ist dieser automatische Filter reduziert. Reize und Assoziationen werden weniger stark vorsortiert. Statt einer Übersichtskarte hat man eine extrem detaillierte Karte – aber ohne eingezeichneten Standort, ohne Ziel, ohne Weg. Man sieht unzählige Möglichkeiten gleichzeitig und muss sie erst mühsam von Hand gewichten. Lachenmeier beschreibt dieses Erleben treffend als ein Tasten durch Nebel: Während „die anderen“ scheinbar mühelos den Überblick haben, sucht man selbst noch die Orientierung.
Daraus folgen drei Dinge, die zusammengehören:
- Kognitive Überlastung, weil zu viele Varianten gleichzeitig verarbeitet werden müssen.
- Unsicherheit, die sich wie Angst anfühlt, solange der Überblick fehlt.
- Ein hoher Energieverbrauch – Orientierung, die andere geschenkt bekommen, muss man sich erarbeiten.
Wichtig: Das heißt nicht, dass ADHS-Betroffene grundsätzlich langsamer sind. In Bereichen, mit denen sie sich intensiv beschäftigt haben, kennen sie jede Nebenstraße – dort sind sie oft schneller, kreativer und finden sogar neue Lösungswege. Genau hier entsteht das Muster, das Lachenmeier als „top oder flop“ beschreibt: In manchen Situationen brillant, in anderen massiv eingebrochen. Subjektiv erlebt sich das wie ein „Wackelkontakt“.
Und jetzt kommt der entscheidende Punkt für den Selbstwert: Wer den nachvollziehbaren Grund für dieses Schwanken nicht kennt, zieht den scheinbar logischen, aber falschen Schluss – „dann bin ich eben wenig wert“. Pikanterweise gilt: Je intelligenter ein Mensch ist, desto größer ist der Abstand zwischen „top“ und „flop“ – und desto härter fällt dieser Fehlschluss aus. Hochbegabung und tiefer Selbstzweifel schließen sich also nicht aus. Sie können sich sogar bedingen.
Das Steuerungsmodell: Die Kupplung, die durchrutscht
Das zweite Standbein des Modells betrifft die exekutiven Funktionen – also Planen, Initiieren, Prioritäten setzen, dranbleiben. Lachenmeier nutzt das Bild einer Steuerungszentrale, einer Art Kupplung. Bei ADHS sind die einzelnen Funktionen durchaus vorhanden. Reduziert ist ihre Ansteuerung: Die Kupplung greift nicht zuverlässig.
Eine Ausnahme ist verräterisch: Auf Bereiche, die als spannend erlebt werden, muss man die Aufmerksamkeit gar nicht erst lenken – dorthin fließt die Energie von selbst. Das erklärt zwei scheinbar gegensätzliche ADHS-Phänomene mit demselben Mechanismus: die berüchtigte Ablenkbarkeit und den positiven Hyperfokus mit überdurchschnittlicher Konzentration. Beides ist dieselbe Münze.
Der negative Hyperfokus: Wenn ein einziger Kritikpunkt alles kippt
Hier wird es für den Selbstwert wirklich brisant. Hyperfokus richtet sich nämlich nicht nur auf Spannendes, sondern auch auf negative Reize – auf Kritik, Enttäuschung, einen vermuteten Fehler.
Zieht ein solcher Reiz die Aufmerksamkeit auf sich, engt sich das Wahrnehmungsfeld übermäßig darauf ein. Das Verheerende daran: Das eingeengte Feld wird subjektiv als das Ganze erlebt. Man nimmt in diesem Moment nicht mehr die ganze eigene Person mit all ihren Fähigkeiten wahr – sondern nur noch den einen Kritikpunkt.
Lachenmeier benutzt dafür das Bild einer Waage: Auf der einen Seite der gesamte Wert der eigenen Person, auf der anderen ein winziger Kritikpunkt. Eigentlich dürfte das kein Übergewicht erzeugen. Im negativen Hyperfokus aber kippt schon die kleinste reale oder vermutete Kritik die ganze Waage.
Wer in diesem Zustand gefangen ist, dem bleiben subjektiv nur zwei Auswege:
- Verteidigung „bis aufs Blut“ – die Kritik wird um jeden Preis abgewehrt, weil nur ihre Entkräftung den Eigenwert zu sichern scheint. Von außen wirkt das wie „kritikunfähig“.
- Hinnahme der Kritik – die völlige Übernahme des Urteils „ich bin nichts wert“. Das ist der gefährlichere Zustand, aus dem heraus depressives Erleben bis hin zu suizidalen Gedanken entstehen können.
Beides ist kein Charakterfehler, sondern die nachvollziehbare Folge eines eingeengten Wahrnehmungsfeldes. Und genau hier liegt die gute Nachricht: Wird der Zusammenhang verstanden, lassen sich solche Fehlinterpretationen oft erstaunlich schnell auflösen.
Wenn du dich nach einer kleinen Rückmeldung plötzlich „komplett wertlos“ fühlst, ist das selten die Wahrheit über dich. Es ist meistens der Tunnel, der dir gerade nur den einen Punkt zeigt.
Bilanzfälschung: Bei anderen großzügig, bei sich selbst gnadenlos
Ein weiterer Baustein erklärt, warum die Selbsteinschätzung so systematisch danebenliegt. Lachenmeier nennt es – mit einem Augenzwinkern – „Bilanzfälschung“.
Weil der Filter fehlt, löst jeder Eindruck einen verzweigten „Gedankenbaum“ aus, und eine endgültige Bewertung dauert. Solange sie nicht abgeschlossen ist, arbeitet man mit vorläufigen Wertungen. Und mit denen geht man – sofern man integer ist, und das ist die Regel – unterschiedlich um, je nachdem, wen sie betreffen:
- Bei anderen werden nicht nur die sicheren Pluspunkte verbucht, sondern auch die potenziellen. Man will ja nicht ungerecht sein. Mögliche Minuspunkte werden zunächst ausgeklammert. Ergebnis: Das Gegenüber wird überbewertet.
- Bei sich selbst läuft es umgekehrt. Potenzielle Minuspunkte fließen ein (man will nicht arrogant wirken), potenzielle Pluspunkte nicht. Ergebnis: Der eigene Wert wird unterbewertet.
Die Folge ist eine massive Fehlwahrnehmung der tatsächlichen Verhältnisse. Man rechnet sich selbst systematisch klein und andere groß – und hält dieses verzerrte Bild für Bescheidenheit oder Realismus.
Wie sehr das in die Irre führt, zeigt eine Szene aus Lachenmeiers Fallbeispielen: Eine fachlich herausragende Chirurgin erhält ein begehrtes Angebot – und ist überzeugt, man habe es ihr nur aus Mitleid oder fälschlich gemacht. Trotz objektiver Spitzenleistung quält sie der Selbstzweifel. Die Bilanz war „gefälscht“ – zu ihren eigenen Ungunsten.
Clever, nicht dumm: Warum Struktur kein Eingeständnis von Schwäche ist
Viele ADHS-Betroffene wissen, dass ihnen Strukturen helfen würden – und setzen sie trotzdem nicht um. Lachenmeier vermutet dahinter eine Fehlverknüpfung im Selbstwert: „Wenn ich für so etwas Banales einen festen Plan brauche, dann bin ich wirklich dumm.“ Gegen dieses Eingeständnis sträubt man sich – und sabotiert damit die eigene Struktur.
Sein Lösungsweg ist ein Reframing, und es ist eines der praktischsten Stücke des ganzen Modells. Nehmen wir das Beispiel des Wäschebergs, der liegen bleibt, weil schon der Gedanke „Soll ich heute oder erst morgen?“ einen endlosen Gedankenbaum auslöst, der Energie frisst und nie zu einer Entscheidung kommt. Der eigentliche Trick ist dann nicht, „besser durchzuhalten“, sondern gar nicht erst mit dem Denken anzufangen: Ein fixer Waschtag verhindert den sinnlosen Gedankenbaum von vornherein.
Damit verschiebt sich die Bedeutung der Struktur komplett. Sie ist nicht länger das Symptom vermeintlicher Dummheit, sondern ein präziser Eingriff am richtigen Ort – Ausdruck von Cleverness. Wird das nicht nur gedanklich, sondern gefühlt verstanden, steigt die Chance auf Umsetzung erheblich. Und es entsteht etwas Wertvolles: berechtigtes Selbstbewusstsein.
Was das für Beratung und Begleitung bedeutet
Aus dem Modell ergibt sich eine klare Grundhaltung – für Fachkräfte ebenso wie für Angehörige:
- Der Kontakt zum Eigenwert ist die Trägersubstanz. Solange jemand fühlt, dass er respektiert wird, ist er erstaunlich gut in der Lage, auch schwierige Punkte an sich anzusehen. Reißt dieser Kontakt ab, kippt die Waage – und konstruktive Arbeit wird unmöglich. Wichtig: ADHS-Betroffene erkennen gespielte Wertschätzung sofort. Nur echte Achtung trägt.
- Bei einem Wertabriss kommt zuerst die Wiederherstellung. Wenn der Selbstwert mitten im Gespräch plötzlich einbricht, hat es keinen Sinn, inhaltlich weiterzumachen. Erst muss der Kontakt zum eigenen Wert (oder zumindest die spürbare Achtung des Gegenübers) wiederhergestellt werden – dann erst der Inhalt.
- Erst die ADHS-Mechanik, dann das Tiefere. Viele Phänomene sehen aus wie klassische psychodynamische Themen, sind aber Folgen der ADHS-Abläufe. Die Erfahrung zeigt: Es lohnt sich, zuerst diese funktionalen Zusammenhänge verständlich zu machen. Vieles, was nach tiefsitzender Störung aussah, löst sich danach überraschend leicht.
Und beim Autismus? Eine Einordnung aus AuDHS-Sicht
Ein eigener Gedanke, der über Lachenmeiers Artikel hinausgeht: Sein Modell beschreibt ausdrücklich ADHS. Manches lässt sich aber vorsichtig zu autistischem und AuDHS-Erleben in Beziehung setzen – ohne es einfach gleichzusetzen.
Der negative Hyperfokus etwa hat eine deutliche Verwandtschaft zum monotropen Aufmerksamkeitsstil, den wir aus dem Autismus kennen: Auch dort kann sich das Erleben so stark auf einen Punkt verengen, dass der Rest der Person aus dem Blick gerät. Und die Kritik-Empfindlichkeit, die Lachenmeier über die kippende Waage erklärt, überschneidet sich phänomenologisch mit dem, was viele neurodivergente Menschen als Ablehnungssensibilität beschreiben.
Der gemeinsame Nenner – und der eigentliche Wert dieser Brücke – ist derselbe: Verhalten, das von außen wie ein Defizit aussieht, wird verständlich, sobald man den dahinterliegenden Wahrnehmungsstil kennt. Genau das ist die Perspektive, um die es hier durchgehend geht.
Fazit
Lachenmeiers Modell nimmt dem ADHS-Selbstzweifel seine scheinbare Wahrheit. Der schwankende Selbstwert ist kein Beweis für mangelnden Wert, sondern das nachvollziehbare Ergebnis eines reduzierten Filters, einer schwer ansteuerbaren Steuerung und eines Hyperfokus, der sich auch auf Negatives legt. Wer diese Mechanik kennt, kann den Fehlschluss „ich bin nichts wert“ als das erkennen, was er ist: ein Tunnel, nicht die Landschaft.
Und das ist mehr als eine theoretische Einsicht. Es eröffnet konkrete Wege – vom cleveren Strukturaufbau über den bewussten Umgang mit dem negativen Hyperfokus bis zu Beratung, die zuerst den Eigenwert hält und erst dann den Inhalt bearbeitet.
„Ich bin nicht wertlos. Ich bin nur gerade in einem Feld, das mir den Überblick nimmt – und das ändert nichts an dem, was ich kann.“
Quelle: Lachenmeier H. Selbstwertwahrnehmung bei ADHS Erwachsener. Swiss Archives of Neurology and Psychiatry / Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie 2014;165(2):47–53. Begriffe wie „Filtermodell“, „Steuerungsmodell“, „negativer Hyperfokus“ und „Bilanzfälschung“ gehen auf diesen Autor zurück. Die Einordnung zu Autismus/AuDHS ist eine eigene Ergänzung der AU-ADHS-Ambulanz und nicht Teil des Originalartikels.