Warum erleben autistische Menschen und Menschen mit ADHS so häufig Ausgrenzung, Mobbing und psychische Belastungen? Die Forschung zeichnet zunehmend ein Bild, das über die vermeintlichen „Defizite“ eines einzelnen Menschen hinausgeht. Entscheidend ist nicht nur, wie ein neurodivergentes Kind kommuniziert, sich bewegt oder auf seine Umwelt reagiert – sondern auch, wie seine Umwelt auf diese Unterschiede reagiert. Vier Studien beleuchten verschiedene Teile dieser Entwicklung: von motorischer Ungeschicklichkeit und Mobbing im Kindesalter über die Auswirkungen einer unerkannten Neurodivergenz bis hin zu Selbstverletzung bei autistischen Erwachsenen.
Schon kleine Unterschiede können sozial bedeutsam werden
Autismus und ADHS werden häufig vor allem mit Aufmerksamkeit, Impulsivität, Kommunikation oder sozialen Schwierigkeiten verbunden. Weniger Beachtung finden motorische Besonderheiten.
Eine Studie von Bejerot und Humble untersuchte 277 Erwachsene, die wegen Autismus oder ADHS diagnostisch abgeklärt worden waren. Dabei wurde rückblickend erfasst, ob sie in ihrer Kindheit von Gleichaltrigen schikaniert oder ausgegrenzt worden waren. Zusätzlich wurden frühere motorische Auffälligkeiten anhand von Elternangaben untersucht. [1]
Das Ergebnis war deutlich: Personen, die als Kinder grobmotorisch ungeschickt beschrieben worden waren, hatten ungefähr ein dreifach erhöhtes Risiko, Viktimisierung durch Gleichaltrige erlebt zu haben. In der untersuchten Stichprobe berichteten 70 Prozent der Personen mit grobmotorischen Schwierigkeiten entsprechende Erfahrungen, gegenüber 47 Prozent der Personen ohne solche Auffälligkeiten. [1]
Damit wird ein wichtiger Punkt sichtbar: Ein Kind muss nicht erst massive Schwierigkeiten in der sozialen Kommunikation zeigen, um innerhalb einer Gruppe als „anders“ wahrgenommen zu werden. Bereits Bewegungsmuster, Ungeschicklichkeit oder Schwierigkeiten im Sport können soziale Bedeutung bekommen.
Die Studie zeigte außerdem, dass Personen mit Viktimisierungserfahrungen im Erwachsenenalter häufiger von Einsamkeit berichteten. Allerdings erlaubt die Untersuchung keine einfache Aussage im Sinne von „Ungeschicklichkeit verursacht Mobbing“. Ein Teil der Informationen zur Kindheit wurde rückblickend erhoben, und die Art der Viktimisierung wurde nur begrenzt differenziert. [1]
Trotzdem weist die Untersuchung auf einen wichtigen Mechanismus hin: Abweichungen von Gruppennormen können bereits früh sichtbar werden – und Kindergruppen reagieren darauf nicht immer freundlich.
Mobbing entsteht nicht allein aus den Eigenschaften eines Kindes
Eine zweite Studie erweitert diese Perspektive erheblich.
Son und Kolleg:innen untersuchten mehr als 1.100 junge Kinder mit unterschiedlichen Behinderungen über mehrere Jahre hinweg. Dabei betrachteten sie nicht nur Eigenschaften der Kinder, sondern unter anderem Familie, schulische Bedingungen, Sprachentwicklung, Sozialverhalten und Beziehungen zu Gleichaltrigen. [2]
Es zeigte sich keine einfache Ursache-Wirkungs-Beziehung. Stattdessen fanden die Forschenden verschiedene Entwicklungspfade.
Umwelt- und Entwicklungsfaktoren standen zunächst mit Verhalten, Sprachentwicklung und sozialen Fähigkeiten in Zusammenhang. Diese beeinflussten wiederum die Beziehungen zu anderen Kindern. Schwierigkeiten in diesen Peerbeziehungen waren schließlich mit einem erhöhten Risiko für Viktimisierung verbunden. [2]
Umgekehrt zeigten sich soziale Fähigkeiten als möglicher Schutzfaktor: Kinder mit besseren sozialen Kompetenzen hatten weniger Schwierigkeiten in ihren Beziehungen zu Gleichaltrigen. Rezeptive Sprachfähigkeiten konnten wiederum die Entwicklung prosozialer Fähigkeiten unterstützen. [2]
Entscheidend ist aber, dass daraus gerade keine reine Trainingslogik nach dem Motto „Das Kind muss einfach sozial kompetenter werden“ folgen sollte.
Das Modell der Studie ist sozialökologisch. Kind, Familie, Schule und Peergroup beeinflussen sich gegenseitig. Entsprechend empfehlen die Autor:innen, auch die soziale Umgebung zu berücksichtigen: Pädagogische Fachkräfte sollten Interaktionen beobachten, Unterschiede akzeptieren helfen und Rahmenbedingungen schaffen, in denen soziale Teilhabe möglich wird. [2]
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur:
„Was kann dieses Kind noch nicht?“
Sondern ebenso:
„Was passiert in einer Umgebung, in der dieses Kind anders kommuniziert, sich anders bewegt oder anders reagiert?“
Wenn niemand erklärt, warum man anders ist
Wie langfristig solche Erfahrungen wirken können, wird besonders deutlich, wenn man Erwachsene fragt, die erst spät erfahren haben, dass sie autistisch sind oder ADHS haben.
French und Cassidy interviewten 13 Erwachsene mit einer erst im Erwachsenenalter gestellten Autismus- und/oder ADHS-Diagnose sowie sieben Fachkräfte. Die Forschenden identifizierten fünf zentrale Themen: Beziehungen, lebenslange psychische Belastungen, ein neues Verständnis durch die Diagnose, mögliche Belastungen durch das diagnostische Label sowie die Bedeutung des richtigen Zeitpunkts einer Diagnose. [3]
Ein wiederkehrendes Muster bestand darin, Schwierigkeiten erlebt zu haben, ohne dafür eine passende Erklärung zu besitzen.
Probleme in Schule, Beziehungen oder Beruf wurden entsprechend nicht als Ausdruck einer neurodivergenten Entwicklung verstanden. Stattdessen konnten andere Erklärungen entstehen: faul, unmotiviert, dumm, schwierig oder sozial unfähig. Ein Studienteilnehmer beschrieb beispielsweise, durch entsprechende Erfahrungen irgendwann selbst geglaubt zu haben, faul und dumm zu sein. [3]
Gleichzeitig zeigten die Interviews, wie bedeutsam einzelne unterstützende Bezugspersonen sein können. Eltern, Lehrkräfte, Partner:innen oder passende Unterstützungsangebote konnten schulische, berufliche und soziale Entwicklungen deutlich positiv beeinflussen. [3]
Damit wird ein langfristig bedeutsamer Mechanismus sichtbar:
Fremdzuschreibungen können irgendwann zu Selbstzuschreibungen werden.
Wer jahrelang erlebt oder vermittelt bekommt, „zu empfindlich“, „komisch“, „anstrengend“, „faul“ oder „nicht belastbar“ zu sein, kann daraus ein entsprechendes Selbstbild entwickeln.
Eine spätere Diagnose bedeutete für viele Studienteilnehmer:innen deshalb weit mehr als die Vergabe eines medizinischen Etiketts. Sie ermöglichte eine Neubewertung der eigenen Biografie.
Frühere Erfahrungen konnten plötzlich anders verstanden werden: Warum waren bestimmte Situationen so schwierig? Warum kosteten scheinbar einfache Dinge unverhältnismäßig viel Kraft? Warum funktionierten manche Beziehungen immer wieder nicht?
Dieses neue Verständnis konnte Selbstakzeptanz fördern, Kommunikation verändern und Zugang zu passenden Unterstützungsangeboten ermöglichen. [3]
Eine späte Diagnose kann allerdings auch Trauer und Wut auslösen. Einige Teilnehmer:innen beschäftigte die Frage, was aus ihrem Leben geworden wäre, wenn ihre Schwierigkeiten früher erkannt worden wären. Besonders das Gefühl von verpasstem Potenzial spielte bei einem Teil der Befragten eine Rolle. [3]
Eine Diagnose erklärt also nicht automatisch alles und löst nicht automatisch alle Probleme. Sie kann jedoch einen neuen Rahmen schaffen, in dem die eigene Lebensgeschichte anders verstanden werden kann.
Von Überforderung zu Selbstverletzung
Eine aktuelle Studie von Pelton und Kolleg:innen richtet den Blick schließlich auf einen besonders sensiblen Bereich: Selbstverletzung bei autistischen Erwachsenen. [4]
Die Forschenden verwendeten hierfür eine visuelle Methode, den Card Sort Task for Self-Harm (CaTS). Dabei wählen Betroffene Karten aus, die Gedanken, Gefühle, Ereignisse und Verhaltensweisen beschreiben, und ordnen sie zeitlich rund um eine Episode von Selbstverletzung an.
29 autistische oder wahrscheinlich autistische Erwachsene nahmen an der Untersuchung teil. Besonders häufig beschrieben wurden starke Agitiertheit und Unruhe, unerträglicher psychischer Schmerz, Depression, Selbsthass und Erschöpfung. [4]
Interessant ist vor allem die zeitliche Abfolge.
Negative Lebensereignisse lagen teilweise weit vor der eigentlichen Selbstverletzung. Unmittelbar davor verdichtete sich dagegen die emotionale Belastung. Angst ging häufig starkem psychischem Schmerz und Agitiertheit voraus. Gefühle von Wertlosigkeit, eine Belastung für andere zu sein oder in einer Situation festzustecken sowie das Erleben, mit niemandem über den eigenen Zustand sprechen zu können, gingen wiederum impulsivem Handeln und Selbstverletzung voraus. [4]
Die Studie beschreibt damit weniger einen einzelnen „Auslöser“ als eine mögliche Eskalationskette:
Belastende Erfahrungen↓zunehmende emotionale Überforderung↓Selbstabwertung und Ausweglosigkeit↓fehlende Möglichkeit, den Zustand mitzuteilen↓Impulsivität↓Selbstverletzung
Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um einen Ablauf, der bei jedem autistischen Menschen mit Selbstverletzung auftreten muss. Die Untersuchung war klein und explorativ. Sie ermöglicht jedoch einen genaueren Blick auf die Dynamik unmittelbar vor einer Selbstverletzung.
Besonders interessant für die Arbeit mit autistischen Menschen ist die Bedeutung von Kommunikation. Wenn jemand Schwierigkeiten hat, innere Zustände spontan sprachlich zu erkennen oder mitzuteilen, kann Unterstützung möglicherweise erst sehr spät einsetzen.
Die visuelle Kartenmethode könnte deshalb hilfreich sein: Gedanken, Gefühle und Ereignisse müssen nicht ausschließlich in einem abstrakten Gespräch beschrieben werden, sondern können sichtbar gemacht und zeitlich angeordnet werden. [4]
Die Autor:innen sehen mögliche Ansatzpunkte unter anderem in einer besseren Emotionsregulation, autismusgerechter Kommunikation, der Förderung von Autonomie und Selbstwert sowie – bei bestehender Selbstverletzungsgefahr – in der Reduktion des Zugangs zu Mitteln. [4]
Ein gemeinsames Muster
Die vier Studien untersuchen unterschiedliche Altersgruppen, Fragestellungen und Populationen. Sie beweisen deshalb nicht gemeinsam eine einzige lineare Entwicklung.
Zusammengenommen entsteht jedoch ein plausibles Bild: Neurodivergente Menschen können sich bereits früh in vielerlei Hinsicht von ihrer Umgebung unterscheiden – beispielsweise motorisch, sprachlich, sozial, sensorisch oder in ihrem Verhalten.
Diese Unterschiede existieren niemals im sozialen Vakuum.
Andere Menschen reagieren darauf.
Eine unterstützende Umgebung kann Unterschiede auffangen, erklären und akzeptieren. Eine ungünstige Umgebung kann dieselben Unterschiede dagegen sanktionieren, verstärken oder zum Ausgangspunkt von Ausgrenzung machen.
Neurodivergente Eigenschaften↓als anders wahrgenommen werden↓Schwierigkeiten mit Gleichaltrigen, Ausgrenzung oder Mobbing↓Einsamkeit und negatives Selbstbild↓psychische Belastung, Depression oder Hoffnungslosigkeit↓bei einem Teil der Betroffenen selbstschädigendes Verhalten
Diese Darstellung ist kein bewiesener universeller Kausalverlauf. Keine der vier Studien weist diese gesamte Kette bei denselben Personen nach.
Als gemeinsames Denkmodell zeigen die Ergebnisse jedoch, warum es problematisch ist, ausschließlich nach vermeintlichen Defiziten der betroffenen Person zu suchen.
Nicht nur das Kind verändern
Gerade im Umgang mit autistischen Kindern oder Kindern mit ADHS besteht schnell die Versuchung, Schwierigkeiten ausschließlich zu individualisieren.
Das Kind soll soziale Regeln lernen.
Das Kind soll sich besser regulieren.
Das Kind soll weniger auffallen.
Das Kind soll belastbarer werden.
Natürlich können Unterstützungsangebote, Sozialkompetenztraining, Psychoedukation oder Strategien zur Emotionsregulation sehr hilfreich sein.
Sie dürfen jedoch nicht die einzige Intervention bleiben.
Wenn ein Kind regelmäßig ausgegrenzt wird, ist die zentrale Frage nicht ausschließlich, welche sozialen Fähigkeiten diesem Kind fehlen.
Ebenso wichtig ist:
- Warum akzeptiert die Gruppe Unterschiede nicht?
- Wie reagieren Lehrkräfte auf subtile Formen der Ausgrenzung?
- Welche sozialen Regeln gelten in dieser Gruppe?
- Hat das Kind mindestens eine sichere Beziehung?
- Kann es Belastung kommunizieren, bevor eine Situation eskaliert?
- Erlebt es seine Unterschiede als verständliche Besonderheiten – oder zunehmend als persönlichen Fehler?
Gerade dieser letzte Punkt kann langfristig entscheidend sein.
Denn zwischen „Ich funktioniere anders“ und „Mit mir stimmt etwas nicht“ liegt psychologisch ein großer Unterschied.
Was heißt das für Eltern und Fachkräfte?
Aus den vier Studien lassen sich keine einfachen Patentrezepte ableiten. Sie geben aber Hinweise darauf, worauf in der Begleitung neurodivergenter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener geachtet werden sollte:
- Ausgrenzung früh ernst nehmen: Nicht erst körperliches oder offensichtliches Mobbing zählt. Auch wiederholtes Ausschließen, Lächerlichmachen oder soziale Isolation können erhebliche Auswirkungen haben.
Fazit
Autismus und ADHS führen nicht automatisch zu Ausgrenzung, psychischer Erkrankung oder einem schlechten Lebensverlauf.
Neurodivergente Entwicklung kann jedoch Unterschiede hervorbringen, die in bestimmten sozialen Umgebungen zu Schwierigkeiten führen. Wenn solche Unterschiede über Jahre missverstanden, sanktioniert oder zum Anlass für Ausgrenzung werden, können daraus erhebliche Belastungen entstehen.
Die Forschung legt deshalb nahe, neurodivergente Entwicklung nicht ausschließlich als individuelles Defizit zu betrachten.
Wir sollten stärker danach fragen, was zwischen einem Menschen und seiner Umwelt geschieht.
Denn genau dort entscheidet sich häufig, ob ein Unterschied lediglich ein Unterschied bleibt – oder ob daraus irgendwann eine Verletzung wird.
Hinweis zur Einordnung: Die hier dargestellten Studien unterscheiden sich deutlich hinsichtlich Alter, Stichprobe und Forschungsmethode. Zwei Arbeiten beschäftigen sich mit Viktimisierung im Kindesalter, eine qualitative Studie mit den Erfahrungen spät diagnostizierter Erwachsener und eine explorative Studie mit Selbstverletzung bei autistischen Erwachsenen. Der im Artikel dargestellte übergreifende Entwicklungszusammenhang ist daher eine gemeinsame Einordnung der Befunde und nicht selbst das Ergebnis einer einzelnen Längsschnittstudie.
Literatur
- Bejerot, S. & Humble, M. B. (2013). Childhood clumsiness and peer victimization: a case-control study of psychiatric patients. BMC Psychiatry, 13, 68. Zum Artikel
- Son, E., Peterson, N. A., Pottick, K. J., Zippay, A., Parish, S. L. & Lohrmann, S. (2014). Peer Victimization Among Young Children With Disabilities: Early Risk and Protective Factors. Exceptional Children, 80(3), 368–384. https://doi.org/10.1177/0014402914522422
- French, B. & Cassidy, S. (2024). “Going Through Life on Hard Mode”—The Experience of Late Diagnosis of Autism and/or ADHD: A Qualitative Study. Autism in Adulthood. https://doi.org/10.1089/aut.2024.0085
- Pelton, M., Newell, V., French, B., Wadman, R., Townsend, E. & Cassidy, S. (2026). Exploring Patterns of Self-Harm in Autistic Adults Using the Card Sort Task for Self-Harm. Autism. https://doi.org/10.1177/13623613261447926