Eine Einladung zur Perspektivübernahme
Menschen im Autismus-Spektrum erleben die Welt anders als neurotypische Menschen. Eine späte Diagnose, wie sie bei vielen vorkommt, kann dabei zu einem Wendepunkt werden. Nach Jahren voller Herausforderungen in Schule, Beruf und zwischenmenschlichen Beziehungen beginnt man, die eigene Lebensgeschichte neu zu verstehen. Es wird deutlich, dass man nie „falsch“ war – sondern einfach „anders“.
Aus dieser Perspektive entsteht ein Blick auf die neurotypische Welt, der nicht kritisieren, sondern zum Nachdenken anregen möchte. Viele der Herausforderungen, die Menschen im Autismus-Spektrum im Alltag erleben, entstehen durch Missverständnisse und unterschiedliche Wahrnehmungen.
Ein zentraler Punkt ist die Art der Kommunikation. Für Menschen im Spektrum ist es oft schwierig, unausgesprochene Botschaften oder subtile Andeutungen zu entschlüsseln. Das betrifft weniger das bewusste Kommunizieren als vielmehr das unbewusste – jene Zwischentöne, die neurotypische Menschen ganz selbstverständlich senden, die wir jedoch erst mühsam entschlüsseln müssen. Direkte und klare Worte können helfen, Missverständnisse zu vermeiden und den Austausch zu erleichtern.
Auch das Verhalten von Menschen im Spektrum wird häufig missverstanden. Wenn der Blick etwa auf ein schief hängendes Bild fällt oder in stressigen Situationen Informationen verloren gehen, wird dies manchmal als Desinteresse oder Geringschätzung interpretiert. Tatsächlich handelt es sich um Unterschiede in der Wahrnehmung, die nicht persönlich gemeint sind.
Ein besonders wichtiger Wert für viele Menschen im Spektrum ist Gerechtigkeit. Oft besteht ein starkes Bedürfnis, Dinge so zu benennen, wie sie sind – auch wenn das für andere unbequem sein kann. Das ist kein Versuch zu moralisieren, sondern Ausdruck von Ehrlichkeit und Fairness.
Für viele Autist:innen sind Gruppendynamiken und Hierarchien schwer nachvollziehbar – obwohl sie in der neurotypischen Welt eine große Rolle spielen. Warum soziale Unterschiede, etwa Status oder Kleidung, das Verhalten beeinflussen sollten, erschließt sich oft nicht. Auch die Dynamik von Gruppen, in denen sich Menschen plötzlich ganz anders verhalten als zuvor, kann irritierend wirken.
Ein weiterer Unterschied zeigt sich darin, wie Entscheidungen getroffen werden. Während viele neurotypische Menschen schnell und oft „aus dem Bauch heraus“ entscheiden, brauchen Menschen im Spektrum mehr Zeit, um Informationen zu verarbeiten. Manchmal vergehen Stunden, bis uns klar wird, welche Bedeutung ein Ereignis für uns hat. Entscheidungen benötigen daher eine solide Grundlage – denn es ist wichtig, möglichst viel über ein Thema zu wissen, bevor ein Urteil gefällt wird.
Das Leben in einer neurotypischen Welt kann für Menschen im Spektrum sehr anstrengend sein. Die ständige Anpassung an soziale Normen und Erwartungen kostet viel Energie. Wir sind gewissermaßen dauerhaft mit Anpassungsleistungen beschäftigt. Kommt es zu einem „Meltdown“, ist das keine Unhöflichkeit, sondern eine Reaktion auf Überforderung und Erschöpfung.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist Loyalität. Menschen im Spektrum sind oft sehr loyal, wenn sie Freundschaften eingehen. Ehrlichkeit und Offenheit werden geschätzt – und sollten ebenso erwidert werden.
Auch Small Talk stellt eine Herausforderung dar. Wenn jemand darauf nicht eingeht, ist das kein Zeichen von Unhöflichkeit, sondern ein Hinweis darauf, dass in diesem Moment die Kapazität für solche Gespräche fehlt. Das sollte nicht persönlich genommen werden.
Missverständnisse entstehen häufig dann, wenn versucht wird, Menschen im Spektrum in starre Kategorien einzuordnen. Autismus ist so vielfältig, dass solche Schubladen der Lebensrealität nicht gerecht werden. Sinnvoller ist es, den eigenen Erfahrungen und dem Wissen der Betroffenen zu vertrauen. Das gilt auch für Autist:innen untereinander – viele von uns verfügen über einen erstaunlich feinen „Radar“ für andere Betroffene.
Ein weiterer Unterschied liegt in der Wahrnehmung von Zeit. Für Menschen im Spektrum ist Zeit oft eine Konstante, sodass vergangene Ereignisse ebenso präsent sein können wie aktuelle. Dies unterscheidet sich von der ereignisorientierten Wahrnehmung vieler neurotypischer Menschen. Kurz gesagt: Für viele von uns ist immer „alles“ gleichzeitig „da“.
Eine zusätzliche Herausforderung zeigt sich in der Reizverarbeitung. In lauten Umgebungen oder bei mehreren parallelen Gesprächen fällt es schwer, den Fokus zu halten. Das liegt an einer Reizverarbeitung, die anders funktioniert und nicht einfach abgeschaltet werden kann. Besonders intensiv ist diese Herausforderung bei Menschen mit einer Autismus-/ADHS-Kombination.
Dieser Artikel lädt dazu ein, die Perspektive von Menschen im Autismus-Spektrum einzunehmen und ihre Erfahrungen besser zu verstehen. Ein gelingendes Miteinander kann nur entstehen, wenn alle Seiten bereit sind, aufeinander zuzugehen. Denn letztlich leben wir gemeinsam in einer Welt, die von gegenseitigem Verständnis nur profitieren kann.
(rb)