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Therapie und Intervention

Grundhaltung: Therapie ist individuell – Autisten sind Expert:innen ihrer selbst.

Autismus ist keine Krankheit, die man „heilen“ könnte – und das muss er auch nicht. Er ist eine andere Art des Gehirns, die Welt zu verarbeiten. Therapie bei Autismus zielt deshalb nicht darauf ab, jemanden „normal“ zu machen, sondern ihn möglichst gut zu begleiten und zu unterstützen – so, dass ein möglichst selbstbestimmtes, zufriedenes Leben gelingt. Im Zentrum steht immer die betroffene Person selbst, niemals ein starres Therapiekonzept. Entscheidend ist eine tragfähige, wertschätzende therapeutische Beziehung, die von Flexibilität, Offenheit für Rückmeldung und echter Anpassungsbereitschaft geprägt ist. Gute Therapeut:innen passen Methoden, Tempo, Struktur, Reizsetting und sogar die Art der Kommunikation an die Bedürfnisse der autistischen Person an – sei es durch klare, wörtliche Sprache, schriftliche Austauschmöglichkeiten, Alltagstermine statt 50-Minuten-Sitzungen oder praktische Übungen außerhalb des Praxisraums. Oft braucht es viel Zeit, bis diese Zusammenarbeit wirklich trägt. Gegenseitiges Einlassen und Vertrauensaufbau sind hier der eigentliche Wirkfaktor.

Was sind eigentlich die Ziele von Therapie bei Autismus?


Im Idealfall stehen folgende Ziele im Vordergrund:

  • Linderung besonders belastender Begleiterscheinungen wie starker Depressionen, Ängste oder Burnout-Zustände
  • Besserer Umgang mit Reizüberflutung und sensorischer Über- oder Unterempfindlichkeit
  • Aufbau von mehr Selbstständigkeit und Alltagskompetenzen
  • Verbesserung von Kommunikation und sozialen Fertigkeiten – auf eine Weise, die zur Person passt
  • Entwicklung individueller, realistischer Bewältigungsstrategien
  • Stärkung der eigenen Identität als autistischer Mensch
  • Finden von passenden beruflichen und sozialen Nischen
  • Kurz gesagt: die Gestaltung eines Lebens, das sich stimmig und lebbar anfühlt

Die wichtigsten Therapie- und Unterstützungsformen

Psychotherapie bietet einen geschützten Raum, um Gefühle, zwischenmenschliche Erlebnisse und biografische Themen zu sortieren. Sie hilft besonders bei Depressionen, Ängsten, Überforderung und dem Verarbeiten von Missverständnissen oder Verletzungen. Viele autistische Menschen nutzen sie auch, um besser zu verstehen, wie das eigene Verhalten auf andere wirkt – ohne sich dafür verurteilt zu fühlen. Gerade langfristige Begleitung kann enorme emotionale Stabilität und Entwicklung ermöglichen.

Ergotherapie ist extrem praxisnah und alltagsorientiert. Sie unterstützt bei ganz konkreten Herausforderungen: Einkaufen, Telefonate führen, Arzttermine meistern, Behördenbriefe verstehen, Struktur im Alltag schaffen, sensorische Überlastung reduzieren. Oft werden individuelle Hilfsmittel, Strategien oder sogar Außentermine (z. B. Begleitung beim Einkauf oder zur Arbeit) entwickelt. Viele Betroffene beschreiben Ergotherapie deshalb fast wie „Life-Coaching mit therapeutischem Hintergrund“ – entlastend, konkret und sehr nah am echten Leben.

Selbsthilfearbeit und Peer-Kontakt sind für viele autistische Menschen eine der wichtigsten Ressourcen überhaupt. Der Austausch mit anderen Autist:innen schafft Verständnis, Zugehörigkeit und das Gefühl „nicht kaputt zu sein“. In Selbsthilfegruppen oder Online-Communities werden realistische Perspektiven zu Themen wie Beruf, Beziehungen, Stressbewältigung, Diagnoseprozess oder Alltagsstrategien entwickelt. Gleichzeitig wächst oft das Selbstbewusstsein und die Fähigkeit, die eigene Kommunikation bewusster einzusetzen.

Weitere Bausteine, die individuell kombiniert werden können

Je nach Person und Lebenslage können ergänzend hilfreich sein: Kunst- oder Musiktherapie, körperorientierte Ansätze, Physiotherapie, Sport, tiergestützte Interventionen, Achtsamkeits- und Entspannungsverfahren, Mentoring durch Vertrauenspersonen, psychosoziale Dienste, EUTB-Beratung, Wohlfahrtsverbände oder auch gezielte Erfahrungsberichte und Alltagstipps aus dem Internet (YouTube, Blogs, Foren). Manchmal wird auch eine gesetzliche Betreuung oder ein Betreuungsverein sinnvoll – alles immer nach dem Grundsatz: maßgeschneidert statt Einheitslösung.

Die Quintessenz
Autismus-Begleitung braucht keine Schablonen, sondern maßgeschneiderte Unterstützung, die sich an den Stärken, den Bedürfnissen und der realen Lebenssituation orientiert. Meistens entfaltet eine kluge Kombination aus Psychotherapie, Ergotherapie, Peer-Kontakt und weiteren individuellen Hilfen die größte Wirkung. Das eigentliche Ziel ist nicht „Normalisierung“, sondern Lebensqualität, Selbstverständnis und echte Teilhabe – und dabei spielen tragfähige Beziehungen (zu Therapeut:innen, zu anderen Autist:innen, zu Vertrauenspersonen) fast immer die entscheidende Rolle.

Quelle: Christine Preißmann: Mit Autismus Leben: Eine Ermutigung, Klett-Cotta, 2020.

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